Cole Brannighan
Buchautor

Kurzgeschichte

Dies ist eine Kurzgeschichte zu einem Spin-Off aus der Sternenklingen-Saga, die einen Preis beim Bookdate-Fantasy gewann. Das Besondere dabei ist, dass eine Szene auf einem öffentlichen Platz in maximal 2.500 Zeichen beschrieben wird. Viel Spaß beim Lesen!

Das Schafott - Prinz Valenkar


»Schlagt dieser Dirne den Kopf ab!«, brüllte Prinz Valenkar mit eiserner Stimme über die Köpfe des versammelten Pöbels hinweg. Er stand neben dem König auf dem Balkon des Burgfrieds und lehnte sich mit hasserfülltem Blick über die Brüstung.  

Eldara kniete auf dem Schafott, die Hände auf den Rücken gefesselt und den Hals auf dem Holzklotz, der eine Rundung für den Kopf hatte. Es gab keine Stelle an ihrem Körper, die nicht schmerzte. Ihr Blick schweifte kurz über die Menge, in deren schmutzigen Gesichtern nichts anderes als die blanke Sensationslust stand. Sie wussten nicht, welche Hölle Eldara in der Ehe mit dem brutalen Prinzen hatte durchleben müssen. Und sie hatten auch keine Ahnung, dass ihr eigener Vater sie wie ein Stück Vieh als Pfand des Friedens zwischen den beiden Königreichen Halodin und Laranyen in eine lieblose Ehe verkauft hatte. Allein Eldaras heimliche Affäre zu einem anderen Mann hatte ihr die Kraft gegeben, die Monate der Schinderei durchzuhalten. Sie senkte den Blick und schaute in einen blutverkrusteten Bastkorb. Tränen rannen über ihre Wangen, liefen über ihre Nasenspitze und fielen dort hin, wohin ihr Kopf in Sekunden folgen würde. Ihr ganzer Körper zitterte, bis in die weizenblonden Locken, die ihr kleines Sichtfeld rahmten. Einzig die Gewissheit, dass ihr Geliebter überleben würde, spendete ihr Trost. Sie drehte den Kopf zum Henker, der langsam mit seiner Zweihandaxt ausholte. In seiner schwarzen Robe mit der spitzen Haube, die sein Gesicht verbarg, wirkte er wie die fleischgewordene Gefühllosigkeit. »Bitte«, flehte Eldara. Die Axt erreichte ihren Scheitelpunkt, bereit zum Schlag.

Der Henker hielt inne. 

»Bitte«, flüsterte sie ihm zu. „Aurostos, du musst es tun, wir haben es doch besprochen, du musst, sonst werden sie es merken.«

»Nein«, erwiderte Aurostos und senkte die Axt. Als er sich die Haube vom Kopf zog, ging ein Raunen durch die Menge. Seine blaugrauen Augen waren klar und sein Gesicht eine Maske des Grimms. 

»Bitte, du hast es mir versprochen«, bettelte Eldara.   

Aurostos packte die Axt mit beiden Händen. Das Schaftleder knirschte unter seinen kräftigen Fingern, als er sich gegen die heraneilenden Wachen breitbeinig aufstellte. »Sieh zum Balkon, meine Geliebte«, flüsterte er.  Eldara verstand nicht, doch sie blickte zum Bergfried.

Aus den Schatten hinter dem Prinzen tauchte eine vermummte Gestalt auf, hob einen Dolch und rammte es dem Prinzen seitlich in den Hals. 

»Heute wird Laranyen fallen«, schrie Aurostos und lachte.